Lola_

Lola
08.01.2018

Ungefähr 14 Jahre ist es her, dass Lola plötzlich im Garten gesessen hat, ich meine es war im März. Sie saß mehrere Stunden da, wirkte irgendwie verloren, und Niemand wusste wo sie hergekommen ist. Sie hatte kein Halsband und sah sonst eigentlich recht fit aus. Ich sprach sie an und merkte gleich wie zutraulich sie ist. Aber sie verschwand nicht mehr wie ein typisch stromerndes Tier. Da es in den Nächten noch recht kalt war, durfte sie nachts ins Haus und bekam Futter. Kratzbaum und Toilette waren ihr bekannt und zum Glück war sie kastriert. Trotz intensiver Suche wurde nie ein Besitzer ausfindig gemacht. Seit diesem Tag gehörte sie zur Familie und begleitete mich seit meiner Kindheit.  Lola war eine Familienkatze, sie hätte niemals gekratzt oder gebissen. Und wenn es ihr doch einmal gereicht hat, dann deutete sie einen Biss nur an oder sprang auf. Das Lustige an Lola war, im Haus suchte sie immer die Nähe und schmuste.  War man jedoch draußen, tat sie manchmal so als kenne sie einen nicht. Anfassen war dann tabu, es könnte ja eine andere Katze sehen. Aber sie lag immer in der Nähe, natürlich rein zufällig XD. Coolio war nix gegen Lola. Unvergessen auch, wenn sie ins Haus wollte. Über drei Vordächer ging es bis zum Schlafzimmerfenster um sich dann auf einem dünnen Stück Fensterblech auszubalancieren. So verbrachte sie die Nacht im Schlafzimmer, bis man wachgestampft wurde oder von dem Druck auf der Brust aufwachte. Bis Heute verstehe ich nicht, dass sie genau wusste, wo der Schlafraum ist. Besonders in den schönen Jahreszeiten wollte Lola viel raus, in einer Wohnung wäre sie tot unglücklich gewesen. Sie liebte den Garten, das Grundstück und alles was in der Nähe war. Bis zu diesem Tag sieht man ihre Lieblingsstelle, an welcher der Boden über die Jahre um mehrere Zentimeter nachgab. Mit der Zeit erkannte sie sogar das Geräusch des Autos, noch bevor man in der Einfahrt stand, und begrüßte einen freudig, manchmal ein bisschen motzig. =) Leider konnte man das Grundstück nie abriegeln und verhindern, dass Lola zu Katzenhassern in der Nachbarschaft geht. Doch Lola wäre nicht Lola gewesen, wenn sie nicht genau gewusst hätte, wann das Haus leer ist. Keine Ahnung wie sie es wusste, aber es stimmte immer. Rotzfrech und voller Protest lag sie dann sogar vor der Haustür und mir ist bald das Herz in die Hose gerutscht. Meist konnte man sie dann rufen. Manchmal saß sie aber auch nur unter einem Strauch, versteckt, beobachtend, und hat einen zappeln lassen. Man dachte dann, sie ist meilenweit weg. Wenn ab und zu dann noch ein Karton im Haus oder Garten stand, war sie die glücklichste Katze. Wen interessiert schon das Spielzeug welches in der Verpackung war. Wenn ich Lola ansah, dann kam immer ein Miau zurück oder sie kniff mit den Augen. Als wollte sie sagen, alles in Ordnung, ich bin hier. So vergingen Jahre um Jahre. Lola bekam unzählige Schlafmöglichkeiten im Haus und im Garten. Es wurde ein Laufsteg mit Treppe gebaut, damit sie sich sicher am Küchenfenster bemerkbar machen konnte.

Als das Jahr 2017 seinen Lauf nahm, bemerkte man, dass sie ab und zu Probleme beim Hochspringen hatte. Und auch die Toilettengänge wurden immer öfter zum Kraftakt. Dies wurde von den meisten Tierärzten als Alterserscheinung abgetan und mit Globoli behandelt. Man bemerkte auch, dass Lola zunehmend weniger und komisch gefressen hatte. Teilweise kaute sie auf einem Stück Weichfutter gefühlt ewig rum oder es fiel ihr immer wieder raus. Auch setzte sie sich nicht wie früher beim Fressen hin. Man dachte, es ist Altersmäkelei oder Zahnstein. So fuhr ich mit Lola am Dienstag nach Silvester zum Tierarzt, welcher sie untersuchte. Erstaunlicherweise waren die Zähne wie gemalt. Auf dem Röntgenbild erkannte man eine ausgefranste Stelle am Hinterbein, welche von einer früheren Verletzung, im schlimmsten Fall von Knochenkrebs stammen könnte. Mit Schmerzmittel wurden wir entlassen. Da sie vor Jahren mal auf einen Eimer gefallen ist, glaubte niemand an eine Krebserkrankung. Mittwoch überraschte ich sie mit einem leckeren Napf voller Rindergehackten (ungesalzen). Hier fraß sie seit Tagen mal wieder eine ordentliche Portion. Doch bereits 3 Stunden später erbrach sie mehrmals, und das über dem ganzen Abend. Außerdem hat sie mehr als 2 Stunden gebraucht, um ein bisschen was auf der Toilette loszuwerden. Ihr ging es so schlecht wie noch nie. Am Donnerstag fuhr ich wieder zum Tierarzt, da nun auch die Blutwerte da waren. Da kam plötzlich raus, dass sie eine Herzschwäche hat. Der Troponinwert war bei 0,31, NT-proBNP 537. Angeblich soll schon was vom Herzen zerstört worden sein. Lola bekam Amlodipin verschrieben sowie eine Kortisonspritze. Ihr Herz war viel zu schnell und das Blut viel zu dick. Obwohl es ein kleiner Schock war, hörte sich das Gespräch mit der Tierärztin nicht so dramatisch an. Ab diesem Tag ging es dann nur noch Bergab. Lola fraß nun so gut wie gar nix mehr und schlief die meiste Zeit. Trotzdem schaffte ich es noch, ihr eine Tablette (in Leberwurst eingerollt) am Freitag und Samstag zu geben. Samstag früh bekam Lola ein weiteres Mal Kortison, sowie Diazepam um den Appetit anzuregen. Fast schon Euphorisch freute ich mich, als sie am Samstagabend ein bisschen Trockenfutter zu sich nahm. Es war nicht viel, aber wenigstens was. Die Freude sollte aber nicht lange halten. Sonntag ging dann gar nix mehr. Lola lag nur noch auf der Couch oder in ihrer Höhle. Selbst die Leberwursthäppchen brachten sie nicht mehr zum fressen, und so langsam stellte sie auch das Trinken ein. Ich setzte mich oft zu ihr aufs Sofa, streichelte und redete mit ihr. Früher hätte sie geschnurrt wie ein Rolls Royce. Aber es kam nix, sie schaute mich nur an. Es schien, als seien alle Lebensgeister, alle Freude weg gewesen. Ich versuchte ihr die Tablette übers Maul zu verabreichen. Habe mir Stundenlang Videos angeschaut wie man das am Besten macht. Aber es klappte nicht. Einmal war sie im Maul, flog dann aber wieder raus. In meiner Verzweiflung, löste ich das Medikament in Wasser auf, befüllte eine Spritze ohne Nadel, und spritze es ihr ins Mäulchen. Das klappte, war aber eine Qual für Lola, denn Herzmedikamente sind furchtbar bitter. Montag wurde es noch schlimmer. Lola war müde und erschöpft, sie atmete sehr schwer. Ihr Bauch hob und senkte sich extrem, wie ein Pumpen. Sie wollte ihren Kopf ablegen, schreckte aber sofort auf und stöhnte dabei. Den ganzen Vormittag verbrachte sie in einer Kauerhaltung auf dem Sofa. Um die Mittagszeit wurde sie immer unruhiger. Sie wollte einfach nur schlafen und ihren Kopf ablegen, es ging aber nicht. Irgendwann saß sie mit offenen Mäulchen da, und man hörte durchs ganze Wohnzimmer die Atmung. Ich überlegte noch in die Tiernotklinik zu fahren, wollte ihr aber den Stress nicht mehr antun. Von einer Nachbarin wusste ich, dass dort Behandlung um jeden Preis gemacht wird. Das heißt, alle anstrengenden Diagnosen und Untersuchungen erneut, trotz ungewisser Prognose. Ich rief meine Haustierärztin an und bat sie nach Hause zu kommen. Die Ärztin sagte erst, es sieht doch gar nicht so schlimm aus. Als Lola sie sah, erhob sie sich ein letztes Mal und nahm Flüssigkeit zu sich. Es war aber kein richtiges Trinken. Sie berührte nur mit ihrer Zungenspitze das Wasser. Darauf beobachtete die Ärztin Lola eine Weile, während ich ihr alles erzählte. Nach einigen Minuten fragte sie mich, ob ich mich mental verabschiedet habe. Keine Ahnung warum, aber ich habe Ja gesagt. Darauf wurde Lola von ihrem Leid erlöst. Ich fragte die Ärztin fast 10 Mal, ob es keine Hoffnung mehr gibt. Sie sagte, ohne Fressen keine Chance.

Ich hoffe so sehr, dass die Tierärztin wusste was sie machte. Ich hoffe ich habe meiner Katze nicht die Chance auf Leben genommen. Aber ich wollte sie auch nicht qualvoll ersticken lassen. In einer ländlichen Region, gibt es Nachts keinen Tiernotruf wie in der Stadt. Mein Schmerz ist so schlimm, ich kann kaum atmen und alles ist dunkel. Lola hat ihre Herzschwäche so lange versteckt, es gab kaum Anzeichen. Wenn ich gewusst hätte, dass eine Vorsorgekontrolle hätte helfen können bzw. verlängern. Es fühlt sich an wie Mord. Es fühlt sich an wie Verrat. Lola ist vermutlich 16 oder 17 Jahre alt geworden. Sie war selbst in den dunkelsten Zeiten für mich da, hat mich nie verurteilt oder war nachtragend. Jetzt ist sie weg. Und obwohl ich alles gemacht habe, um ihr ein erfülltes und schönes Leben zu bieten, bleiben Zweifel. Ich werde von Alpträumen geplagt und es gibt keine Minute wo ich nicht an sie denke. Wäre sie doch einfach eingeschlafen ohne aufzuwachen. Ich möchte früh auch nicht mehr aufwachen. Ich esse nur noch um den Hunger loszuwerden. Aber mein Essen hat keinen Geschmack mehr. Ich versuche mich zu trösten, kein Mensch oder Tier sollte leiden. Aber ich werde die Schuldgefühle nicht los. Ich versuche mit viel Alkohol einzuschlafen und wache am Morgen weinend auf. Lola wurde an einer ihrer Lieblingsstellen begraben. In einem Karton mit Decke, welchen sie so geliebt hat. Ich habe ihr auf den Weg noch ein paar Knuspertaschen und einen Küchengummi gegeben. Damit hat sie am liebsten gespielt.

 

Ruhe in Frieden Lola

Ich hoffe du bist an einem noch besseren Ort. Ich hoffe du hast dein Leben genossen. Ich habe Alles dafür getan. Danke, dass du da warst.

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Fotogallerie

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